Denkmalschutz in die Tonne “jekloppt”

Längst hat sich der Kampf einer Mieterinitiative gegen den Abriss von denkmalgeschütztem Bestand in ihrer von Modernisierung betroffenen Wohnanlage im Kissingenviertel zum Skandal entwickelt. Keine leichte Aufgabe für den neuen obersten Berliner Denkmalschützer.

Am 1. Oktober bekommt Berlin einen neuen obersten Denkmalschützer. Der langjährige Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes, Professor Jörg Haspel, nimmt aus Altersgründen seinen Hut. Nachfolger in diesem Amt wird Christoph Rauhut, bislang Referent im bei der Bundesregierung angesiedelten Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz in Berlin.

Rauhut studierte Architektur in Aachen und Zürich. Bis 2015 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Denkmalpflege und Bauforschung der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich mit dem Forschungsschwerpunkt Baukonstruktion und Konstruktionswissen im 19. und 20. Jahrhundert.

Weltkulturerbe mitgeplant

Dort dürfte ihm auch der Schweizer Architekt Otto Rudolf Salvisberg untergekommen sein. In den 1930er-Jahren Professor an der ETH, zeichnete Salvisberg Ende der 1920er-Jahre unter anderem für die Planung der Siedlungen Onkel Toms Hütte in Zehlendorf und Weiße Stadt in Reinickendorf mitverantwortlich.

Letztere gehört heute zum Unseco-Weltkulturerbe. Ebenso unter Berliner Denkmalschutz steht die von Salvisberg geplante Wohnanlage Sellinstraße 7-12, Kissingenstraße 7-8, Lohmestraße 1-6 sowie Borkumstraße 19-19a. Die Wohnblöcke im Kissingenviertel werden in der Berliner Denkmalliste unter der Nummer 09050585 als Gesamtanlage geführt, weil sie „von hoher städtebau- und architekturgeschichtlicher Bedeutung“ für Berlin sei.

Wie das Berliner Abendblatt bereits mehrfach berichtete, ist der denkmalgeschützte Bestand dieser Wohnanlage durch ebenso umfangreiche wie unsachgemäße Modernisierungsarbeiten äußerst gefährdet. Uns liegt ein Schreiben der Unteren Denkmalschutzbehörde Pankow vom 25. Oktober 2017 vor, in dem sehr detailliert aufgelistet wird, an welche Vorgaben sich die von der Gesobau mit der Modernisierung beauftragte Firma Retis zu halten hat.

Dort heißt es im abschließenden Punkt 9, dass „zur Qualitätssicherung bei der Ausführung dieses hochwertigen und komplexen Denkmalensembles … sowohl für die Ausführungsplanung als auch für die Bauleitung/Bauüberwachung Denkmal erfahrene Architekten und Landschaftsarchitekten zu beauftragen“ seien. Diese Auflage ist nachweisbar nicht erfüllt worden. Auch nicht jene, wonach sicherzustellen ist, „dass nur zertifizierte Fachfirmen mit Referenzen im Denkmalbereich beauftragt werden.“ Sämtliche Arbeiten, so heißt es, seien im Rahmen der Bauausführung mit der Unteren Denkmalschutzbehörde abzustimmen.

In diesem Zusammenhang ist der Umstand bemerkenswert, dass die Chefin dieser Behörde im Beisein der Mitglieder der Mieterinitiative und eines Vertreters des Berliner Abendblattes zugegeben hat, gar nicht über die fachliche Expertise zu verfügen, die im Rahmen der Modernisierung erfolgten Arbeiten zu bewerten.

Gespannte Mieter

Der Mieterprotest in der Wohnanlage im Kissingenviertel begann, als im Zuge der Bäder- und Küchensanierung wertvoller Denkmalbestand zerstört werden sollte beziehungsweise auch schon wurde. Inzwischen liegt der auftraggebenden Wohnungsbaugesellschaft Gesobau das Gutachten eines der renommiertesten deutschen Experten für Technische Gebäudeausrüstung vor, in dem detailliert beschrieben wird, wie unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Anforderungen zeitgemäß und marktgerecht modernisiert werden kann. Die Mieter im denkmalgeschützten Wohnensemble sind gespannt, ob die Gesellschaft ihrer Aufgabe in Sachen Denkmalschutz nun doch noch gerecht wird.

Datum: 28.09.2018 Text und Bild: Ulf Teichert