Neues Leben auf der Siemensbahn

Tote Strecke als Hoffnungsträger im verkehrsgeplagten Spandau.

Spandau boomt, und ganz besonders im Nordosten. In der Wasserstadt, auf der Insel Gartenfeld, in Haselhorst und in der Siemensstadt werden in den kommenden Jahren Tausende Wohnungen gebaut. In der Siemensstadt könnte womöglich der neue Innovationscampus entstehen. In Kürze wird der Konzernvorstand entscheiden, ob Berlin den Zuschlag für das 600-Millionen-Euro-Projekt bekommt. Viele fragen sich: Wie sollen die neuen Bewohner von A nach B kommen, ohne ins Auto zu steigen und die Straßen zusätzlich zu verstopfen? Immer mehr und immer lauter werden die Stimmen, die die Wiederbelebung der Siemensbahn fordern.

Wildnis inspiriert

Die Trasse beginnt am Bahnhof Jungfernheide und endet nach ungefähr viereinhalb Kilometern an der Station Gartenfeld. Dazwischen liegen die Bahnhöfe Wernerwerk und Siemensstadt. Die Firma Siemens & Halske hatte die Strecke Ende der 1920er-Jahre errichtet. Rund 17.000 von seinerzeit 90.000 Arbeitern nutzten die Bahn, die im Fünf-Minuten-Takt verkehrte. Heute ist sie vor allem bei Fotografen beliebt. die sich von der Endzeitstimmung verströmenden Wildnis inspirieren lassen. Nach dem Reichsbahnerstreik im Jahr 1980 wurde die Siemensbahn stillgelegt. Im gleichen Jahr wurden die U-Bahnhöfe Siemensdamm und Rohrdamm eröffnet.

Die damalige Verlängerung der U-Bahnlinie 7 ist für manchen ein Argument gegen die Wiederbelebung der Siemensbahn. Ganz abgesehen von den Kosten, die momentan niemand abzuschätzen vermag. Unabhängig davon nimmt das Thema Fahrt auf. „Vor allem die Diskussion um den Siemens-Zukunftscampus bringt Bewegung in die Diskussion“, sagt der Abgeordnete Fréderic Verrycken. Grundlage für die Ansiedlung des Innovationszentrums sei unter anderem der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur im Umfeld der Siemenswerke. Um sich als Standort gegen die internationale Konkurrenz durchzusetzen, würden sich der Senat, die Deutsche Bahn und der Siemens-Vorstand offen für die Reaktivierung zeigen. „Das ist eine Riesenchance für die Stadt“, so der SPD-Politiker. Der Wahlkreisabgeordnete von Charlottenburg-Nord setzt sich seit mehreren Jahren für eine Wiederinbetriebnahme der Siemensbahn ein.

Neue Brücken

Das tut auch die FDP. In der Spandauer Bezirksverordnetenversammlung und im Abgeordnetenhaus brachten die Fraktionen Anträge ein, in denen Bezirk und Senat aufgefordert werden, das Projekt voranzutreiben, unter anderem durch ein eigenes Konzept inklusive Zeitplan. Die Siemensbahn könnte vor allem eine gute ÖPNV-Anbindung der Einwohner und Pendler um das Gebiet der Insel Gartenfeld/Saatwinkler Damm gewährleisten, so die Begründung. Auf eine Anfrage der CDU-Fraktion hin hat der Senat vor zwei Jahren einen „Realisierungshorizont nach 2025“ in Aussicht gestellt.

Spandaus Baustadtrat Frank Bewig (CDU) spricht sich gar für eine Verlängerung der Siemensbahn von der Insel Gartenfeld über die Wasserstadt bis nach Hakenfelde aus. Dafür müssten zusätzliche Brücken errichtet werden. Die Spandauer CDU hat ganz andere Pläne. Ihr Verkehrskonzept sieht vor, auf der stillgelegten Strecke Elektroschnellbusse fahren zu lassen.

Datum: 27. Oktober 2018. Text: Nils Michaelis. Bild: imago/Schöning