Kneipensterben im Schwulenkiez

Die Kneipe “Hafen” an der Motzstraße bangt um ihre Zukunft. Tausende Menschen feiern eine Soli-Party.

Der 3. Januar war für die Schwulenbar „Hafen“, direkt in Berlins Schwulenviertel an der Motzstraße gelegen, ein einschneidender Tag. Ein abgelaufener Mietvertrag, dann eine Räumungsaufforderung kurz vor Weihnachten bis zum genannten Termin. Betreiber Ulrich Simontowitz blickt in eine ungewisse Zukunft. Die einzig gute Nachricht in diesen Tagen: Die Bar hat weiterhin geöffnet. Die Schlüsselübergabe inklusive Räumung am vergangenen Donnerstag hat nicht stattgefunden. Stattdessen gab es eine überwältigende Party in und vor der Bar. „Da ist eine Riesenwelle der Solidarität entstanden. Ungefähr 1.000 Leute haben mit uns gefeiert“, sagt Simontowitz dankbar, und weiter: „Wir kämpfen um den Hafen. Das sind wir unseren Gästen und Freunden schuldig.“

Einschnitt ins Nachtleben

Seit 28 Jahren ist der Hafen eine der bedeutenden Szeneinstitutionen in Berlin. Noch vor wenigen Wochen wurde die 10.001. Nacht in der Kneipe gefeiert. „Wir wollen so gerne weitermachen, mit Koninginnedag, Schlagernacht, unserem wundervollen Stand zum Stadtfest und vielen anderen großen Ideen, für die wir nun keinen Raum mehr haben sollen“, heißt es auf der Website des Hafen. Menschen aus der ganzen Welt kommen in den Hafen, um zu feiern und einfach zu sein, wer sie sind. Seine Schließung würde einen tiefen Einschnitt in das Schönbeberger Nachtleben bedeuten.

Warum diese überhaupt zur Debatte steht, kann sich Ulrich Simontowitz nicht erklären. Vor eineinhalb Jahren hat er gemeinsam mit dem Eigentümer die Verlängerung des Mietvertrages für die Räumlichkeiten an der Motzstraße 19 besprochen und aufgesetzt. „Der Vertrag liegt fertig in der Schublade“, erzählt er. Doch dann die Wende, der Eigentümer will doch nicht verlängern. „Über ein Jahr lang wollte keiner von den Verantwortlichen mit uns reden und man stellte sich taub. Nicht nur von Eigentu?merseite kam nach dem zurückgezogenen Angebot eines weiter- fu?hrenden Vertrages keine Antwort mehr. Auch beteiligte Dritte aus der gewerbetreibenden Community stellten ihre Ohren auf Durchzug“, erzählt Simontowitz wütend und auch traurig.

Hoffnung auf Vernunft

Der Eigentümer sei weiterhin nicht in Kontakt mit Simontowitz. Über andere Betreiber im Haus seien ein „paar Signale“ gesendet worden, auf die er jetzt weiter hofft. „Wir hoffen einfach auf die Vernunft, sodass sich diese Situation noch zum Guten wendet.“ Da die Räumung nicht vollzogen worden ist, macht der Hafen erst einmal weiter. Jedoch fehle dem Team jegliche Planungssicherheit. Veranstaltungen und Auftritte müssen im Voraus angemeldet werden. Schwierig, wenn niemand weiß, wie es weitergeht.

Eine Ahnung, warum der Mietvertrag nicht verlängert werden soll, hat Simontowitz schon: „Irgendjemand wird da viel Geld geboten haben.“ Unverständlich, wie er findet, denn: „Die Miete ist sowieso sehr hoch. Wer da mehr bietet, ist dumm.“ Es gebe auch Vermutungen, wer der neue Interessent sein könnte, Namen wollen aber nicht genannt werden. Simontowitz findet die Situation „überflüssig und belastend“. Immer, wenn er zu seinem Hafen ging, habe er sich so wohl und sicher gefühlt. „Heute habe ich nur Angst, dass es bald vorbei ist.“ Der Hauseigentümer hat bis Redaktionsschluss keine Erklärung abgegeben.

Datum: 10. Januar 2019, Autor: Sara Klinke, Bild: Bastian Harting Photography