Hoffen und Bangen bei Siemens in Spandau

Was bringen die Großprojekte in der Siemensstadt den Beschäftigten des Dynamowerks?

Mit der „Siememsstadt 2.0“ entwirft Siemens ein strahlendes Bild der Zukunft. Im Nordosten Spandaus will der Konzern ein neues Quartier hochziehen. Das „Stadtmodell der Zukunft“ soll ab 2030 unter anderem Start-ups, Wohnungen und Forschungseinrichtungen beherbergen. Kosten: rund 600 Millionen Euro.

Im Dynamowerk an der Nonnendammallee sieht die Zukunft weniger rosig aus. Vor einem Jahr verkündete Siemens, den Standort im Zuge der Umstrukturierung des Unternehmens zu schließen. Nach Protestaktionen der Belegschaft ruderte der Vorstand zurück. Konzern und Gesamtbetriebsrat einigten sich auf einen Rahmensozialplan. Demnach sollen 300  von 717 Stellen in der Produktion erhalten bleiben. Betriebsbedingte Kündigungen seien derzeit allerdings ausgeschlossen, heißt es vom Betriebsrat.

Chancen ermöglichen

Viele „Dynamowerker“ fragen sich, was die schöne neue Siemens-Welt ihnen persönlich bringt. Wer mag ihnen schon garantieren, dass sie bei einem der Start-ups unterkommen, wenn ihr jetziges Werk eines Tages verschlankt wird? Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Markus Ochmann kennt die Sorgen, gibt sich aber auch zuversichtlich. „Wir durchleben momentan eine schwierige Phase, doch wir glauben an das Dynamowerk und sind bereit, unseren Beitrag dafür zu leisten“, sagt er. An der Nonnendammallee will Siemens spätestens im März gemeinsam mit der Technischen Universität und einen weiteren Partnern einen Industrie- und Wissenschaftscampus (IWCB) eröffnen. Dort werden künftig neue Materialien und Antriebe erforscht.

Dieser hat laut Ochmann zwar nichts mit dem erwähnten Beschäftigungs- und Standortsicherungsvertrag zu tun. Dennoch sieht der Gewerkschafter die Zukunftspläne für die Siemensstadt durchaus positiv: „Wir betrachten den IWCB und die Siemensstadt 2.0 als eine positive Entscheidung für den Standort Berlin und zukunftssichere Arbeitsplätze. Unsere Erwartungshaltung und Hoffnung ist, dass sich dort eine Beschäftigungsmöglichkeit für unsere Kollegen bietet.“ Schließlich habe der IWCB das Ziel, Entwicklung und Produktion enger zusammenzubringen.

Im Zuge der letztjährigen Verhandlungen hat Siemens einen Fond aufgelegt, um vor allem jenen Beschäftigten Chancen für Weiterqualifizierung und Neuausrichtung zu ermöglichen, deren Arbeitsplätze durch Digitalisierung zukünftig wegfallen werden. Dafür stehen laut einem Konzernsprecher 100 Millionen Euro bereit. „Diesen Fond gilt es jetzt zu nutzen, um die Kollegen fit für den IWCB zu machen“, so Ochmann.

Jobs sichern

Fest steht: Ein bedeutender Teil der Belegschaft des Dynamowerks steht vor einer ungewissen Zukunft. Das kann auch Staatssekretär Henner Bunde (CDU) in seiner Beantwortung der Anfrage der Linke-Fraktion kaum kaschieren: „Der Senat wird sich für den Erhalt und die Sicherung bestehender Arbeitsplätze im Dynamowerk und an den anderen Siemensstandorten einsetzen sowie die Entwicklung des Standortes gemeinsam mit Siemens und anderen Akteuren wie den schon jetzt kooperativ eingebundenen Forschungseinrichtungen und weiteren Unternehmen eng begleiten, wie dies auch in den beiden am 31. Oktober 2018 unterzeichneten Memoranden of Understanding festgehalten ist.“

Datum: 19. Januar 2019. Text: Nils Michaelis. Bild: Siemens AG