Eheschließung wider Willen

Weiterhin leiden viele Berliner Frauen, aber auch Männer, unter Zwangsverheiratung.

Am 7. Februar jährte sich der Todestag von Hatun Sürücü zum 14. Mal. Sie wurde mit 23 Jahren von ihrem jüngeren Bruder auf offener Straße in Tempelhof erschossen. Sie wollte ein freies und selbstbestimmtes Leben führen und hat damit bewusst gegen die strengen Regeln und tradierten Ehevorstellungen ihrer Familie verstoßen. Hatun Sürücüs Schicksal steht für viele Mädchen und Frauen, die unter Gewalt im Namen der Ehre leiden. Auch junge Männer sind betroffen, insbesondere wenn ihr Lebensentwurf nicht der heterosexuellen Norm entspricht. Homosexualität ist geächtet, die Jungfräulichkeit (der Frau) das höchste Gut und Grundvoraussetzung für das Ansehen der ganzen Familie. Die daraus entstehenden Konflikte scheinen oft unlösbar. Bei Vielen enden sie mit einer Zwangsverheiratung, bei Manchen, wie im Falle Hatuns, mit einem „Ehren“-Mord.

Zwangsverheiratung und die damit verbundene Gewalt ist auch in Berlin weiterhin verbreitet. Das macht eine Umfrage zum Thema deutlich, die im vergangenen Sommer vom Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung – unterstützt von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung – durchgeführt wurde. Koordiniert wird der Arbeitskreis von der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten aus Friedrichshain-Kreuzberg, Petra Koch-Knöbel.

Unterstützung suchen

Insgesamt wurden 1.164 Einrichtungen aus dem Antigewaltbereich sowie Jugendämter, die Polizei, Migrations- und Frauenprojekte, die Frauen- und Gleichstellungs- und Integrationsbeauftragten, sämtliche Schulen und Flüchtlingsunterkünfte befragt. 420 Einrichtungen haben den Erhebungsbogen beantwortet. Demnach sind in 2017 insgesamt 570 Fälle von (versuchter oder erfolgter) Zwangsverheiratung bekannt geworden. Dies sind zwar 19 Prozent mehr als bei der letzten Befragung 2013 (460 Fälle), allerdings lag auch die Zahl der befragten Einrichtungen 2017 um 40 Prozent höher.

Mit 93 Prozent waren größtenteils Mädchen und Frauen betroffen. Sieben Prozent der Betroffenen waren männlich. Bei knapp der Hälfte der Jungen und jungen Männer sowie bei vier Frauen war deren Homosexualität bekannt. In mehr als der Hälfte (283 Fällen von 504 Rückläufen) der bekannt gewordenen Fälle war die Zwangsverheiratung noch nicht erfolgt, sondern die Betroffenen berichteten von konkreten Planungen oder befürchteten, zwangsverheiratet zu werden. Der Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung wertet dies als positives Anzeichen dafür, dass sich immer mehr Betroffene ihrer Rechte bewusst sind und Unterstützung suchen.

Klare Forderungen

In den 14 Jahren seit Hatun Sürücüs Tod hat es durchaus Fortschritte in den Bereichen der Justiz und in der Aufklärungsarbeit gegeben. Dennoch richtet der Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung weiter konsequent Forderungen an die Politik – darunter eine bundesweite Studie über das Ausmaß von Zwangsverheiratungen, eine Online-Beratung für Jungen, die betroffen sind, Krisenwohnungen für betroffene Frauen und Männer, egal welcher sexuellen Neigung, finanzielle Absicherung der Beratungseinrichtungen und deren Weiterentwicklung sowie Präventionsangebote. „Außerdem muss das 2017 in Kraft getretene Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen konsequent in der Praxis angewandt werden“, sagt Petra Koch-Knöbel. Ausführliche Umfrageergebnisse finden sich hier.

Datum: 22. Februar 2019, Autor: sara, Bild: Thinkstock/iStock/Mukhina1