Schneider machen Leute

Die Kreativität des Berufes reizt Alina Schönberg auch nach über 40 Jahren.

Designen, Schnitt machen, Nähen – Alina Schönberg beherrscht ihr Handwerk. Seit acht Jahren ist die gebürtige Polin im „Schneidersitz“ in Charlottenburg angestellt. Ein Glücksfall für die Maßschneiderin. Denn hier kommen neben Reparaturarbeiten allerlei ausgefallene Kundenwünsche über die Theke. „Neulich habe ich ein Kleid genäht, das aus drei Kleidern besteht“, sagt sie und strahlt dabei. Mit den beiden Anproben hat sie dafür zwei Wochen gebraucht. Sie entwirft gerne neue Kleider, die Kunden, die in den Schneidersitz kommen, haben genaue Vorstellungen. Auch nach über 40 Jahren macht ihr die Arbeit mit den Stoffen Spaß. Warum fehlt auch hier der Nachwuchs? „Viele wollen Designer werden. Heutzutage ist das Schneidern in drei Berufe aufgeteilt: Designerin, Schnittmacherin und Näherin“, erklärt sie. „Ich durfte noch alles zusammen lernen.“ Nur einzelne Teilbereiche wären der Schneiderin zu monoton. „So macht das einfach mehr Freude“, sagt sie und nimmt Maß.

Viel Kreativität

Hochzeitskleider, Hosen, Mäntel – für Alina Schönberg gibt es im „Schneidersitz“ immer etwas Neues zu tun. Diese Kreativität ist es schließlich, warum sie das Handwerk noch immer begeistert. Nicht zuletzt liegt das an ihrem Arbeitsplatz im Kurzwaren-Geschäft von Erika Hartmann. Hier wimmelt es nur von Knöpfen, Borten, Bändern aller Couleurs. Seit 1997 hat die Hobby-Näherin den Laden in der Pestalozzistraße in der so genannten Antikmeile. Antik sind die Raritäten, die die Besitzerin zur Top-Adresse für Film- und Fernsehschaffende gemacht haben, tatsächlich. „Manche Knöpfe und Spitzen sind älter als 70, 80 Jahre“, sagt Hartmann. Die Einzelstücke, etwa aus den 1930er-Jahren, hat sie aus Nachlässen oder von Flohmärkten. „Die Leute kommen zu mir und bieten die Kurzwaren an. Zum Beispiel einer, der sein Leben lang Knöpfe gesammelt hat“, erzählt die gebürtige Pfälzerin. Vor Jahren hatte sie für den Film „Der Vorleser“ die passende Spitze, genauso stattete sie die Kostüme für die historische Serie „Babylon Berlin“ mit dem ein oder anderen zeitgemäßen Accessoire aus. „Auch die Oper und das Theater haben hier schon einiges eingekauft“, berichtet sie.

Besonderes Ambiente

Zu den Stammkunden gehören aber nicht nur Berliner. „Sie kommen aus Hamburg, Düsseldorf und München.“ Eine Reise in die Hauptstadt ist stets mit dem Einkauf im Kurzwarenladen verbunden. Es ist eben ein besonderes Geschäft, in dem Alina Schönberg arbeitet. „Es gibt viele Frauen, die ihr Lieblingsstück nachgenäht haben wollen“, sagt die Schneiderin. „Die Kunden haben dabei oft schon ein genaues Bild im Kopf“, fügt die Chefin hinzu. Dann lässt Alina Schönberg die Nähmaschine im Nebenzimmer wieder schnurren, nimmt Maß und freut sich später über die strahlenden Gesichter, die das Kleidungsstück abholen. Gewiss nicht ohne das ein oder andere I-Tüpfelchen aus dem Kurzwarenladen, das den Stoff schließlich zum Unikat macht.

Datum: 23. März 2019, Text und Bilder: Karin Reimold