Gratis-Mittagessen sorgt für Platznot in Grundschulen

Nicht einmal jeder zweite Standort in Steglitz-Zehlendorf  ist bereit für das neue Angebot.

Ab dem kommenden Schuljahr sollen alle Berliner Grundschüler ein kostenloses Mittagessen bekommen. Das hat das Abgeordnetenhaus in der vergangenen Woche beschlossen. Doch bislang ist offen, wie die Schulen den zu erwartenden Mehrbedarf an Platz, Personal oder auch Tellern und Bestecken schultern sollen. Susanne Mertens von der Grünen-Fraktion im Bezirk spricht von einem „vergifteten Geschenk“ der SPD: „Es schafft einen Rechtsanspruch und Chaos auf dem Rücken der Bezirke und Schulen vor Ort, die nicht in den Stand gesetzt werden, die Versprechungen zu erfüllen.“

170.000 Schulkinder betroffen

Ähnlich äußert sich der Bezirkselternausschuss: „Die Lösung kann nicht darin bestehen, Klassenzimmer in Essensräume zu verwandeln, Mittagessen zum Frühstück zu servieren oder unseren Kindern Essenszeiten von unter 15 Minuten zuzumuten.“ Es können nicht den Schulen überlassen werden, mit den Konsequenzen der Entscheidung zurechtzukommen. Ein vom Bezirkselternausschuss gefordertes Umsetzungskonzept werde vorbereitet, hieß es kurz vor der Verabschiedung des Gesetzes von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Die Gratis-Mahlzeit gilt für rund 170.000 Grundschüler der Klassen eins bis sechs. Bisher liegt die Kostenbeteiligung pro Kind bei 37 Euro im Monat.

Auch der Grundschulverband ist besorgt. In einem offenen Brief heißt es: „Die überstürzte Einführung des kostenlosen Mittagessens für alle Kinder wird zu einer Verschlechterung des pädagogischen Ganztagsangebots führen, da die ohnehin knappen Mitarbeiter über einen langen Zeitraum mit der Essensbetreuung beschäftigt sein werden.“ Außerdem seien „fehlende Kapazitäten in den Mensen“ zu befürchten, „sodass sich die Mittagessenszeit oft über einen sehr langen Zeitraum ausdehnen und teilweise in dafür ungeeigneten Räumen stattfinden muss.“ Der Grundschulverband setzt sich dafür ein, die Gratis-Mahlzeit analog zur kostenlosen Betreuung schrittweise einzuführen.

Am Limit

Diese Notlösung fasst auch Mertens ins Auge. Sie beruft sich auf die Rückmeldung aus dem Schulamt und von Schulleitern. „Bereits jetzt sind häufig die Raum- und Personalkapazitäten an ihren Grenzen“, sagt sie. Der Leiter des Schulamtes und die Schulaufsicht haben sich deshalb auf eine Inspektionstour durch 38 Schulen begeben und diese bewertet. Demnach sind bei 16 Schulen keine größeren organisatorischen Änderungen oder Baumaßnahmen notwendig. Bei 16 Schulen sind nicht genügend Plätze vorhanden, jedoch könnten die Lücken möglicherweise durch Ausbauten oder durch die Erweiterung der Schichtbetriebe bei der Essensausgabe ausgeglichen werden können. Für drei Schulen gibt es keine kurzfristigen Lösungen. Drei Standorte werden noch geprüft.

Mertens: „Das große Problem besteht darin, dass wir noch nie eine solche Verdichtung von Räumen hatten. Wenn wir die Baulichkeit nicht ändern können, geht es automatisch auf Kosten von Betreuungs- und Unterrichtsflächen. Um überhaupt potenzielle Umbauten bis zum neuen Schuljahr tätigen zu können, bräuchten wir eine Finanzierungszusage des Senats für Umbauten und die Küchen- und Mensenausstattung. Diese liegt dem Bezirk aber bis heute nicht vor.“

Datum: 11. April 2019. Text: Nils Michaelis. Bild. imago/photothek