Glaubenskrieg um Schutz vor Viren

Gegner und Befürworter einer Masern-Impfpflicht liefern sich einen erbitterten Streit.

Beim Thema Masern-Impfpflicht erlebt man dieser Tage einen Glaubenskrieg. Gegner wie Befürworter greifen zu apokalyptischen Szenarien, um vor den Argumenten der anderen Seite zu warnen und deren Vertreter zu diffamieren. Von den Gegnern ist immer wieder zu hören, die „Zwangsmedizin“ aus DDR-Zeiten, als Impfungen nicht nur gegen Masern gesetzlich verordnet waren, solle wieder aus dem Mottenschrank geholt werden. Und wie soll eine Impfpflicht überhaupt durchgesetzt werden? Zudem könnten Immunisierungen Nebenwirkungen wie Autismus fördern. Auch das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit wird gerne bemüht.

Befürworter einer Impfpflicht verweisen gern auf „verantwortungslose“ Eltern, die ihre kritische Einstellung gegenüber der Schulmedizin über das Gemeinwohl stellen, wenn sie ihre Kinder nicht gegen die Viruskrankheit impfen lassen. In die Hände spielen ihnen dabei äußerst dramatische, aber eben auch äußerst seltene Beispiele, die zeigen sollen: Wer an Masern erkrankt, kann ein schreckliches Ende nehmen. Im Magazin „Der Spiegel“ war jetzt von einem kleinen Mädchen zu lesen, das infolge der Viruskrankheit eine Gehirnentzündung erlitt und seitdem ein Pflegefall ist.

Weniger Fälle

Fakt ist: Das Thema nimmt an Fahrt auf, selbst wenn von einer Masernepidemie derzeit keine Rede sein kann. Einen letzten schweren Masernausbruch hat es deutschlandweit zwischen den Jahren 2014 und 2015 gegeben. Im Jahr 2015 wurden bundesweit 2.464 Fälle registriert, das war laut einem Bericht des RBB die höchste Fallzahl seit 2001 und 2002. Davon entfiel etwa die Hälfte auf die Hauptstadt. Anfang 2015 erlag ein eineinhalbjähriger Junge aus Reinickendorf der Krankheit. In den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres gingen die Masernfälle hingegen wieder zurück: deutschlandweit um 42 Prozent, in Berlin sogar um 57 Prozent.

Aber was bedeuten schon nüchterne Zahlen in dieser hitzigen Debatte? Wasser auf die Mühlen der Impfpflichtbefürworter war eine Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Im November 2018 entzog sie der Bundesrepublik das Zertifikat zur Eliminierung von Masern. Damit befand sich Deutschland in bester Gesellschaft mit Venezuela und Russland. Nach den WHO-Richtlinien müssen 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein – nur so könne die Krankheit ausgerottet werden. Kinder- und Jugendärzte aus Berlin unterstützen eine Impfpflicht gegen Masern. Versuche, das Problem anders in den Griff zu bekommen, seien bislang gescheitert. In Deutschland setze man seit Jahren auf Freiwilligkeit, doch noch immer sei der Impfschutz nicht ausreichend.

Lieber freiwillig

Gesundheitssenatorin Dilek Kolat teilte kürzlich mit, dass die Masernimpfquote zumindest bei Kindern zuletzt bei 97,2 Prozent lag. Die SPD-Politikerin will die Menschen lieber mit Argumenten zur Impfung bewegen als mit Zwang. Kolat verwies auf einen Plan des Landes, Impflücken mit konkreten Maßnahmen zu schließen. „Hier geht es beispielsweise darum, bei den Einschulungsuntersuchungen gleichzeitig eine Impfberatung und falls gewünscht auch eine Impfung anzubieten.”

Datum: 12. April 2019. Text: Nils Michaelis. Bild: : Nastco/iStick/Getty Images