Umbenennung von Straßen nervt Anwohner

Diskussion um Erinnerung an umstrittene Persönlichkeiten.

Wie politisch korrekt müssen Straßennamen in der Hauptstadt sein? Diese Frage wird derzeit in vielen Bezirken diskutiert. Es ist ein Thema, das für Streit zwischen den Parteien sorgt und viele Anwohner auf die Palme bringt, bis hin zur Gründung von Bürgerinitiativen.

Hohe Wellen schlug die Debatte um das Afrikanische Viertel im Wedding. Dort erinnern die Petersallee, die Lüderitzstraße und der Nachtigalplatz an deutsche Militärs und Forscher, die im Dienste des Kaisers den Kolonialismus in Afrika vorangetrieben haben und zum Teil schlimmste Menschenrechtsverbrechen zu verantworten hatten. Der Nachtigalplatz etwa trägt seit 1910 den Namen des berüchtigten Arztes und „Afrikaforschers“. Seit einigen Jahren gab es gerade um diesen Platz immer wieder heftige Kontroversen. 2018 beschloss das Bezirksparlament von Mitte, die Petersallee und die Lüderitzstraße im Afrikanischen Viertel umzubenennen. Der Nachtigalplatz soll künftig Manga-Bell-Platz heißen.

Galionsfigur der Rechten

In Steglitz-Zehlendorf wird über den Umgang mit dem Hindenburgdamm diskutiert. Seit 1914 trägt die Magistrale im Ortsteil Lichterfelde den Namen des ehemaligen Generalfeldmarschalls, der im Ersten Weltkrieg die Russen bei der Schlacht von Tannenberg besiegte. Einige Jahre später wurde er als Reichspräsident zur Galionsfigur ultranationaler Kräfte und ernannte Adolf Hitler zum Reichskanzler. Die Linksfraktion fordert zwar keine Umbenennung der Straße, wohl aber eine „kritische Einrahmung“ durch Informationstafeln und Hinweisschilder. Gleich elf Straßen- und Platznamen soll es in Kreuzberg an den Kragen gehen. Das sieht ein Antrag der Grünen-Fraktion vor, der Ende Februar ins Bezirksparlament eingebracht wurde. Im Rahmen der Kampagne „Entmilitarisierung des öffentlichen Raums“ sollen unter anderem die Gneisenau-, Möckern-, Yorck- und Blücherstraße andere Namen bekommen. Die Begründung: Die Schilder erinnern an Militärführer, die im 19. Jahrhundert gegen Napoleon kämpften.

Konzept für Erinnerung

Die bereits beschlossenen oder diskutierten Umbenennungen sind äußerst umstritten. Viele fragen sich: Wo beginnt und endet die Toleranz gegenüber Persönlichkeiten der Geschichte? Verdient etwa Karl Marx als geistiger Vater des Kommunismus gleich zwei Straßennamen in bester Lage? Und entwarf Karl Friedrich-Schinkel nicht nur das Brandenburger Tor, sondern auch das später in Verruf geratene Eiserne Kreuz? Im Afrikanischen Viertel protestierten rund 200 Geschäftsleute gegen den Namensaustausch. Ihnen ging es vor allem um die damit verbundenen Kosten.

Grundsätzlicher wurde die Bürgerinitiative „Pro Afrikanisches Viertel“. Sie warnt die Behörden davor, mit der Umbenennung einer Straße die Beschäftigung mit der (kolonialen) Vergangenheit als für beendet zu betrachten. Die rot-rot-grüne Koalition kündigte unterdessen ein „gesamtstädtisches Aufarbeitungs- und Erinnerungskonzept“ für den deutschen Kolonialismus an.

Datum: 18. April 2019. Text: Nils Michaelis. Bild: Katja Reichgardt.