Lichterfelde: Kinderrettungsstelle schließt zum 1. Juli

Mediziner und Politiker warnen vor einer Versorgungslücke.

Die Kinderrettungsstelle am Campus Benjamin Franklin (CBF) in Lichterfelde wird zum 1. Juli geschlossen. Darauf haben sich die Senatswissenschaftsverwaltung und der Charité-Vorstand im Rahmen des Schwerpunktkonzepts der Charité geeinigt. Kinderärzte aus Steglitz-Zehlendorf schlagen Alarm. Sie befürchten eine Lücke bei der intensivmedizinischen Versorgung von Säuglingen und von Kindern mit lebensbedrohlichen Erkrankungen. Die am nächsten zu erreichenden Kinderkliniken mit Notfallversorgung werden künftig das St. Joseph Krankenhaus in Tempelhof und die DRK-Kliniken in Westend sein. Die Bezirksverordnetenversammlung hatte sich einstimmig für den Erhalt der Kinderrettungsstelle eingesetzt.

Wenige Fälle

Aus Sicht der Senatsgesundheitsverwaltung stellt sich die Lage anders dar. Demnach waren nur drei bis vier Kinder täglich in der Notfallambulanz. Das räumte auch Gesundheitsstadträtin Carolina Böhm ein. Ein Aus sei aber nur dann tragbar, wenn ein tragfähiges Ersatzkonzept vorliegt, sagte die SPD-Politikerin bereits im Februar. Zudem konnten Kinder schon seit Langem nicht mehr stationär aufgenommen werden, weil die pädiatrische Versorgung längst aufgegeben worden ist. Ferner soll Steglitz von allen Stadtregionen über die höchste Dichte an Kinderärzten verfügen.

Im Dezember hatten daher 100 Mediziner der Charité, zu der auch der CBF zählt, in einem offenen Brief an die Senatskanzlei gefordert, die Kinderrettungsstelle zu schließen. Der Grund: Die Zahl der Behandlungsfälle beiße sich mit dem Bedarf an Fachkräften, die von anderen Charité-Standorten abgezogen werden. Die CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus hat sich dafür starkgemacht, die Kindernotfallambulanz zu erhalten. „Eine immer wieder diskutierte Schließung, um die notfallärztliche Versorgung im Weddinger Virchow-Klinikum zu konzentrieren, ist verantwortungslos“, heißt es in einem Antrag. „Erst die Fallzahlen durch eingeschränkte Öffnungszeiten am CBF künstlich herunterrechnen und dann damit eine Schließung der Kinderrettungsstelle zu rechtfertigen, ist eine arglistige und heimtückische Abwicklung dieser Einrichtung.“

Konzept versagt

Adrian Grasse, CDU-Abgeordneter für Dahlem und Zehlendorf, nimmt die Warnhinweise der Kinderärzte „sehr ernst“. „Angefangen von zu früh geborenen Babys in kritischem Zustand bis hin zu schwer verunglückten Kindern gibt es nur noch die Möglichkeit in weit entfernt liegenden Kliniken eine notärztliche Versorgung für Kinder zu finden“, sagt er. „Hier versagt das sogenannte Zentrenkonzept der Charité auf ganzer Linie – und der Senat gibt hierfür grünes Licht. Ich halte das für unverantwortlich.“

Die CDU-Fraktion hält an ihren Forderungen fest. Grasse: „Wir brauchen weiterhin eine notärztliche Versorgung für die Kinder im Südwesten. Am CBF sind die notwendigen Kompetenzen zum Teil schon vorhanden.“ Die Charité wolle den Standort zum Zentrum für die Medizin in der zweiten Lebenshälfte entwickeln. Diese Strategie sei falsch, denn sie gehe von Annahmen aus, die von vorgestern seien. „Die Stadt wächst, gerade in den Südwesten zieht es viele Familien mit Kindern. Deshalb müssen wir die ärztliche Versorgung erhalten und ausbauen, aber doch nicht schließen.“

Datum: 16. Mai 2019. Text: Nils Michaelis. Bild: Getty Images Plus/iStock/Cameravit