Fotos sind wie gefrorene Zeit

Das Talent des Fotografen André Kowalski wurde schon früh entdeckt

„Für Paris haben wir keine Plätze mehr. Aber für Hamburg ist noch was frei.“ André Kowalski muss sich auf die Zunge beißen, um nicht vor Freude laut aufzuschreien. Nichts wünschte sich der 25-Jährige sehnlicher, als endlich dieses Land, die DDR, verlassen zu können. Und jetzt, 1988, ein Jahr nachdem er den Antrag auf eine Westreise beim FDJ-Reisebüro Jugendtourist abgegeben hatte, sollte sein Traum tatsächlich noch wahr werden.

Kaum in der Hansestadt angekommen, setzte sich Kowalski von seiner Reisegruppe ab. „Der anschließende Flug von Hamburg nach West-Berlin ist bis heute der schlimmste meines Lebens“, erzählt der Fotograf. „Die ganze Zeit über hatte ich Angst, dass wir, aus welchen Gründen auch immer, nicht in Tegel, sondern in Schönefeld landen könnten.“ Tat der Flieger dann doch nicht und das zweite Leben des André Kowalski konnte beginnen.

Erste Termine

Teil eins des Fotografenlebens begann mit elf Jahren. Da bekam der kleine André seine erste Kamera – eine Beirette – geschenkt, mit der er gern und oft durch die Wälder rings ums heimatliche Friedrichshagen streunte, um Fauna und Flora aufs Lichtbild zu bannen. Die Eltern – Mutter Friseurin, Papa Drucker – erkannten das Talent ihres Sohnes und schenkten ihm im zarten Alter von zwölf Jahren seine erste Spiegelreflexkamera.

900 Mark kostete die Praktica damals, für die Eltern ein kleines Vermögen. Das war Ansporn genug für den Teenager, sein Talent zu nutzen. Bald nahm er gezielt öffentliche Termine war, bei denen er sicher war, dass dort kein Pressefotograf auftauchen würde. „Abends entwickelte ich die Fotos in meiner kleinen Dunkelkammer und brachte die Abzüge am nächsten Morgen zur `BZ am Abend´ in den Berliner Verlag.” 25 Mark bekam André Kowalski pro abgedrucktem Foto. „Mein Taschengeld konnten sich meine Eltern nun sparen“, erinnert er sich.

Kurzes Intermezzo

Als André Kowalski im Herbst 1988 in West-Berlin ankommt, hat er eine Fotografenlehre beim DDR-Fernsehen absolviert, seit 1982 bei der Tageszeitung „Der Morgen“ gearbeitet und Fotodesign an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert. „Je älter ich wurde, desto bewusster wurde mir die Enge in der DDR“, erzählt Kowalski. „Und“, fügt er hinzu, „es fiel mir immer schwerer, die Schere im Kopf nicht zuzulassen.“

Jetzt also West-Berlin. Nach einem einjährigen Intermezzo in einem Werbefotostudio wird er vom Chef einer bekannten Fotoagentur angesprochen. Fortan spezialisiert sich André Kowalski auf Reportagen, Porträts und Homestories für Illustrierte, Künstleragenturen, fürs Fernsehen und Werbeagenturen.

Ob er denn immer noch so gerne fotografiert wie vor 35 Jahren? Das „klar“ kommt wie aus der Pistole geschossen: „Damals wie heute ist Fotografie für mich ein Medium, in das ich mich hineinversetzen kann. Was mich fasziniert“, so André Kowalski, „ist die Möglichkeit, die Zeit einzufrieren und mit einem einzigen Bild eine ganze Geschichte erzählen zu können.“

Wer das nachprüfen möchte, kann dies bis 22. Juli im Kursana Domizil, Märkische Allee 68, tun. Die Pflegeeinrichtung zeigt im Erdgeschoss die Schau „Ostseh – Bilder eines verschwundenen Landes“.

Datum: 23. Mai 2019 Text: Ulf Teichert Bild: Stefan Bartylla