Bustour zu den Kreuzberger Utopien

„Berlin Utopia Tours“ führt zu Plätzen, Orten und Menschen, die die Zukunft erzählen.

„Begleiten Sie uns auf unserer Rundreise durch den Kiez und erfahren Sie, was im Kreuzberg am Ende des Jahrhunderts bereits Geschichte sein wird“, lautet die Einladung, mit der die Künstlerin Mikala Hyldig Dal gemeinsam mit anderen Kreativen um Mitreisende bei den „Berlin Utopian Tours“ wirbt. Die zweistündige Bustour führt zu besonderen Kreuzberger Orten, die aktuell mit Gentrifizierung, Verdrängung, Klimawandel und Nachhaltigkeit in Verbindung gebracht werden und zeigt deren mögliche Wirklichkeit für das Jahr 2099. Die zweistündige Rundreise startet am Mariannenplatz. Im Schatten des Hauses Bethanien präsentiert ein großes Bauschild fiktive Bauprojekte. „Schark-Immobilien“ plane hier den Bau zahlreicher Wohnungen hinter fantasievoll gestalteten Fassaden. Passanten, die das Schild bemerken, schütteln den Kopf – erst Augenblicke später begreifen sie den fiktiven Charakter dieser Kunstperformance.

Eigener Fundus

Die Tour führt via Reisebus in die Prinzessinnengärten. Hier am bekanntesten Berliner Urban-Gardening-Projekt verkündet ein großes Plakat mit bunten Illustrationen die großen Pläne von teurem Wohnen. Transparent gezeichnete Skizzenmännchen und rasch entworfene Baum – und Grünschraffuren ahmen echte Planungsillustrationen täuschend echt nach. 2021 soll der Verkauf der Eigentumswohnungen starten, sogar eine Telefonnummer für Interessenten ist geschaltet. Wer hier anruft, landet aber nicht beim Makler, sondern hat die Künstlerin selbst am Apparat. „Allein während unserer Bustour heute, hatte ich schon vier Anrufe. Meist waren es Proteste. Aber auch echte Int

eressenten waren dabei“, sagt Dorothea Nold, die die Plakate mit Motiven aus ihrem eigenen Kunst-Fundus versehen hat. „Hier in den Gärten am Moritzplatz ist bis zum Jahr 2099 aus den Aktionen für den ’Future for Friday’ die Heimstätte des ersten offiziellen internationalen Kinderparlamentes entstanden“, erzählt einer der Verantwortlichen. Mittels App auf dem Smartphone kann auch ein Blick in die ferne Zukunft geworfen werden. Eine sich bewegende 3D-Skulptur erscheint auf dem Screen vor ganz realem Hintergrund und deutet an, wie flexibel Leben in ferner Zukunft aussehen könnte.

Gute Aussichten

Der Zeit-Shuttle macht sich jetzt auf den Weg zum Kottbusser Tor, wo Vertreter von Kotti & Co. bereits warten. Deren Bericht aus der Zukunft fällt positiv aus: Nach einem Jahrzehnt voller renditeorientierter Spekulationen habe es in den Jahren 2030 bis 2035 ein politisches Umdenken gegeben. Aus dem staatlich organisierten Finanzministerium sei ein „Vollplenum für soziale und nachhaltige Ökonomie“ entstanden, das lebenswertes, urbanes Wohnen an Orten wie dem Kottbusser Tor wieder möglich gemacht habe. Auch die beiden folgenden Stationen der „Berlin Utopia Tour“ versprechen positive Perspektiven für eine ferne Zukunft: Spekulationsobjekte wie das Projekt-, Atelier-und Wohnhaus an der Lausitzer Straße 10 werden wieder einen sozialen Nutzen erhalten. „Wohnungsnot war die Verschärfung schlechter Wohn- und Arbeitsverhältnisse für Menschen, die durch den Andrang der Immobilienspekulanten in den großen Städten verursacht wurde. Eine kolossale Steigerung der Mietpreise, eine Verdrängung der Bürger aus der Innenstadt war der Anfang gewesen“, lautet die Geschichtsschreibung aus der Zukunft, die als Handzettel während der Tour verteilt wird.

Willkommen in der Gegenwart

Brandaktuell beschreiben diese Zeilen das, was die Kreuzberger Zukunftstouristen auf der letzten Station ihrer Rundreise erwartet. Dort, wo sich noch vor gefühlt wenigen Wochen zwischen Cuvrystraße und Spreeufer ein freier und offener Platz unter dem berühmten Graffiti an der Brandwand ausbreitete, füllt nun Beton in gewaltiger Rohbauform den gesamten Ort aus. „Willkommen in der Gegenwart“, lautet die Botschaft nun. Hier an der Cuvrybrache beginnt die Zukunft schließlich bei den Menschen, die diese Häuser auch einmal nutzen sollen. Und denen begegnet man auf dieser Tour schließlich an allen Orten: Da ist der Döner-Verkäufer an der Oranienstraße, der den Touristen ein freundliches „Welcome in Kreuzberg“ entgegenruft, die türkische Mutter, die am liebsten die gesamte Reisegruppe zum Familienfest auf den Kotti einladen möchte, der Fahrradaktivist, der rücksichtslos durch die Menschentraube auf „seiner“ Radspur kurvt und schließlich auch der Sprayer des „Fuck the Rich“-Graffitis, auf dem fiktiven Bauschild vor den Prinzessinnengärten. All die Menschen, die die Stadt mit ihren Mitteln weiter gestalten möchten, wenn man sie nur lässt. Die Berlin Utopia Tour startet ab dem Kunsthaus Bethanien am 1. Juni und 8. Juni ab 16 Uhr. Die kostenlosen Tickets müssen per Mail reserviert werden.

mail@alpha-nova-kulturwerkstatt.de

Datum: 26. Mai 2019, Text und Bilder: Stefan Bartylla