Marzahn-Hellersdorf: Am Anfang war der Plan

 Wie auf ein paar Feldern am Stadtrand die größte Neubausiedlung Europas entstand.

Die Großsiedlung Marzahn-Hellersdorf ist die größte Plattenbausiedlung Europas. Sie war Teil des sozialen Wohnungsbaus in der DDR. 1973 wurde das entsprechende Programm beschlossen, 1976 mit dessen Realisierung begonnen. Bis 1990 sollten neun Millionen DDR-Bürger, also mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Landes, eine neue oder eine sanierte Wohnung bekommen. Die Zielzahl: drei Millionen Wohneinheiten. Bis zum Ende der DDR wurden etwa zwei Millionen Wohnungseinheiten in Plattenbauweise errichtet, davon 100.000 im heutigen Gebiet von Marzahn-Hellersdorf.

Kolossale Zahlen

Anfang 1974 wurde der Bebauungsplan für die künftige Großsiedlung, die in industrieller Bauweise auf ehemaligen Rieselfeldern und landwirtschaftlichem Gebiet errichtet werden sollte, fertiggestellt. Die Zahlen lassen noch heute aufhorchen: Vorgesehen wurde ein 5,5 Kilometer langes und bis zu 1,8 Kilometer breites Neubaugebiet mit 35.000 Wohnungen. Für die ersten drei Wohngebiete und die vier 1980 hinzukommenden Wohngebiete mit weiteren 25.000 Neubauwohnungen wurden unter Leitung des seit 1976 tätigen Chefarchitekten Heinz Graffunder unterschiedliche städtebauliche und gestalterische Lösungen mit neun Grundtypen bei Wohnbauten ausgearbeitet. Für die jeweils 279 und 80 gesellschaftlichen Bauten (Schulen, Kitas, Einkaufs- und Dienstleistungseinrichtungen, Polikliniken und Kulturstätten) in Marzahn und Hellersdorf wurden zwölf Grundtypen konzipiert.

Nicht nur der Wohnungsbau im großen Stil, sondern auch die Verkehrsanbindung stellte eine große Herausforderung dar: S- und U-Bahnstrecken wurde bis an die Stadtgrenze geführt, Straßenbahntrassen gelegt, Buslinien eingerichtet. Die Erschließungsarbeiten begannen im Bereich der heutigen Allee der Kosmonauten zwischen Luise-Zietz-Straße und Springpfuhlbrücke. Die erste der insgesamt 1.293 Baugruben wurde am 11. April 1977 von der Brigade Adolf Dombrowski ausgehoben. Die Hochbauarbeiten begannen am 8. Juli 1977 mit dem Setzen der ersten Platte für das Wohnhaus in der heutigen Marchwitzastraße 41-45 durch die Brigade Peter Zeise. Am 18. Dezember 1977 zogen die ersten Mieter ein. Das letzte Marzahner Wohnhaus wurde am 29. Januar 1988 in der Wörlitzer Straße 1-5 fertiggestellt. Weitere 40.000 Wohnungen entstehen von 1980 bis 1992 in Hellersdorf.

Baustellen-Rekord.

Marzahn wuchs schnell zur riesigen Baustelle, der größten in der gesamten deutschen Baugeschichte. Es bedurfte einer großen logistischen Leistung, um den täglichen Einsatz von circa 7.200 bis 8.100 Bauarbeitern und den täglichen durchschnittlichen Transport von 2.630 Tonnen Material, darunter 550 Stück Fertigteile, mit Schwertransportern zu gewährleisten. In Marzahn wurden in elf Jahren auf einer Fläche von 655 Hektar 4.238.445 Quadratmeter Bruttogeschossfläche für 9,5 Milliarden DDR-Mark gebaut. Die Zuordnung von Versorgungseinrichtungen der Nahversorgung und der sozialen Infrastruktur wurde nach den Normativen des staatlichen Regelwerkes „Komplexer Wohnbau“ innerhalb der Wohngebiete mit sogenannten Typenprojekten realisiert. Darüber hinaus wurde planerisch die Fläche für ein Stadtbezirkszentrum bestimmt, das infolge zeitlicher und wirtschaftlicher Probleme erst nach Fertigstellung des Wohnungsbaues errichtet werden sollte.

 

Datum: 7. Juni 2019, Text: Redaktion, Bilder: Forschungsstelle Baugeschichte Berlin