Die dunkle Seite des Touristenbooms

Steigende Zahl von Hotels setzt Innenstadtkieze unter Druck.

Wo vor Kurzem noch eine Bäckerei war, hat jetzt ein Burgerladen eröffnet. Wo es früher Obst und Gemüse zu kaufen gab, schlürfen junge Hipster jetzt Kaffee mit Sojamilch. Viele Innenstadtkieze haben sich so radikal verändert, dass Anwohner ihre Umgebung kaum noch wiedererkennen. Wo früher das Nebeneinander von Einzelhandel und Gastronomie das Flair prägten, herrscht heute vielerorts eine Monokultur von seelenlosen Cafés und Schnellrestaurants.

3.500 neue Betten

Befeuert wird das Ganze vom Tourismusboom, der viele junge und ausgehfreudige Besucher in die „Szenekieze“ spült. Im vergangenen Jahr besuchten laut Amt für Statistik rund 13,5 Millionen Menschen die Stadt. Das waren 4,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Übernachtungen kletterte um 5,5 Prozent auf knapp 32,9 Millionen. Auch der Strom neuer Ho(s)tels reißt nicht ab. Allein im Bezirk Mitte sind 17 neue Unterkünfte mit rund 3.500 zusätzlichen Betten geplant. Mehr als 2.000 Hotelbetten an neun Standorten sind es in Friedrichshain-Kreuzberg, so die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen in ihrer Antwort auf eine Anfrage der Abgeordneten Katrin Schmidberger (Grüne).

Dieser Trend weckt die Begehrlichkeiten von Hauseigentümern: Da ein Gastrobetrieb mehr Rendite verspricht als ein kleiner Laden, verlieren immer mehr Gewerbetreibende ihre Mietverträge. Jüngst traf es den Laden „Kamil Mode“ am Kottbusser Tor. Daran konnte auch eine Resolution des Bezirksparlaments nichts ändern. Nicht nur in Kreuzberg hat man das Gefühl, dass der Kiez zunehmend auf die Wünsche konsumfreudiger Besucher zugeschnitten wird und die Bedürfnisse der Anwohner unter den Tisch fallen. Dass Berlin vom Tourismus wirtschaftlich profitiert, ist unbestritten. Rund 235.000 Menschen leben direkt oder indirekt davon. Rund 205,80 Euro gibt jeder Gast laut Visit Berlin aus.

Steuerung gefragt

Doch es mehren sich Stimmen, die Besucherströme besser zu lenken, nämlich nicht nur in die City, sondern auch in die Randbezirke. Dieses Ziel verfolgt das neue Tourismuskonzept des Senats. Um die Citykieze bei den Unterkünften und deren Folgen zu entlasten, feilt eine Arbeitsgruppe an einem Hotelentwicklungsplan. Erste Ergebnisse werden für das Jahresende angekündigt.

„Wir brauchen endlich eine stadtweite Betrachtung und Steuerung“, sagt Schmidberger. „Oft ist aus baurechtlicher Sicht ein neuer Hotelstandort durch die Bezirke nur schwer zu verhindern.“ Hier könnte ein entsprechender Entwicklungsplan Abhilfe schaffen. Schmidberger: „Wichtig ist, dass wir unsere Kiezstrukturen erhalten und festgeschrieben wird, dass neue Hotelstandorte auch stadtentwicklungspolitisch vertretbar sein müssen. Wenn das nicht der Fall ist, dann muss eine Genehmigung zukünftig einfacher versagt werden können.”

Datum: 21. Juni 2019. Text: Nils Michaelis. Bild: Getty Images Plus/iStock/Nikolas_jkd