E-Roller in Berlin: Kamikaze oder Klimaschutz?

Die ersten E-Roller sind jetzt auf Berlins Straßen unterwegs

Noch so ein trendiges Gefährt, dass Straßen und Wege verstopft, bis es nach kurzer Zeit wieder vom Markt verschwindet? Dieses Gefühl beschleicht so manchen beim Thema elektrisch betriebene Tretroller. Schließlich sind ihre unmotorisierten Vorgänger, die einst für die letzte Meile zwischen U-Bahn und Zielort gedacht war, in Berlin längst wieder passé.

Chaotische Zustände

Doch bei den E-Tretrollern liegen die Dinge etwas anders.
Vor gut einem Monat hat der Bundesrat den Weg dafür freigemacht, die Zweiräder für den Straßenverkehr zuzulassen. Die bis zu 20 Kilometer pro Stunde schnellen Flitzer dürfen nur auf Straßen und in den für Radfahrer vorgesehenen Bereichen unterwegs sein. Sollten sich die neuen Roller also durchsetzen, wird es im Straßenverkehr beziehungsweise auf Radwegen noch voller und damit womöglich auch gefährlicher. Der ADFC befürchtet „chaotische Zustände auf der ohnehin schon überlasteten Fahrrad-Infrastruktur“ und fordert ein bundesweites Investitionsprogramm für sichere und breite Radwege.

ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork: „Deutsche Radwege taugen nicht einmal für die sichere Abwicklung des vorhandenen Radverkehrs. Wenn zusätzlich eine Welle von E-Rollern durch die Innenstädte holpert, werden wir sehr unschöne Szenen und viele Unfälle erleben.“ Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) müsse für Hunderttausende Kilometer neuer Radwege mit „topgepflegtem Belag und Überholbreite sorgen“. Das Thema Verkehrssicherheit ist in der Tat der größte Knackpunkt. Wer möchte sich vorstellen, sich den Fahrstreifen mit einem Lastwagen teilen zu müssen, wenn der Radweg gesperrt ist oder gänzlich fehlt?

Und was ist mit all den huckeligen Kopfsteinpflasterpisten? Werden sich die E-Rollerfahrer lieber durchrütteln lassen, anstatt, wie so viele Radfahrer, den Gehweg anzusteuern und Fußgänger zu gefährden? Überhaupt bleiben die Fertigkeiten der Fahrer eine große Unbekannte, denn ein Führerschein wird nicht verlangt. Das Mindestalter für Nutzer liegt bei 14 Jahren.

Gehört längst zum Alltag

In Kopenhagen, Wien und anderen Metropolen gehören Elektro-Tretroller längst zum Straßenbild. Und auch hierzulande gibt es lobende Worte. Manch einer hofft, dass die Kombination aus E-Roller und öffentlichen Verkehrsmitteln dazu beiträgt, den Autoverkehr in Berlin und anderen Großstädten zu reduzieren und damit den Klimaschutz voranzutreiben. Noch ist die Anzahl der Fahrzeuge in der Hauptstadt überschaubar.

Der Anbieter Circ hat bis zum zurückliegenden Wochenende 100 Exemplare verteilt, die Konkurrenten Lime, Tier und Voi zogen mit einigen Hundert nach. Schon bald sollen es deutlich mehr werden. Der Senat rechnet laut einem Bericht des rbb damit, dass die Zahl schnell auf mehrere Tausend anwächst. Schon haben weitere Unternehmen ihren Markteintritt angekündigt.  Was denken Sie , liebe Leser, über E-Tretroller? Klimaschutz oder Kamikaze? Nehmen Sie an unserer Online-Umfrage teil!

www.abendblatt.berlin/nachgefragt

Datum: 28. Juni 2019, Text: Nils Michaelis, Bild: imago images/snapshot