Berliner Alternativen für Obdachlose

Bezirke wollen Camp-Platze für Obdachlose bereitstellen.

Es stinkt nach Kot und Urin. Müll, prall gefüllte Plastiktüten und geöffnete Konservendosen stapeln sich neben schmutzigen Matratzen, Decken, Schlafsäcken und mit Unrat vollgestopften Einkaufswagen. Irgendwo dazwischen kauern Menschen, ein Radio plärrt, leere Flaschen klimpern von Zeit zu Zeit und Hunde betteln mit großen Augen um Futter. Ob am Rewe-Markt an der Warschauer Straße, auf dem Vorplatz des Bahnhofs Lichtenberg, über dem Parkdeck am Ostbahnhof oder unter der Hochbahn am Görlitzer Bahnhof – Elendsorte, an denen obdachlose Menschen leben und übernachten müssen, gehören immer mehr zum Alltag im Berliner Stadtbild. Hier gibt es zahllose Anlässe für Konflikte und Beschwerden.

Keine Lösung

„Ohne Zweifel hat das Problem der Obdachlosigkeit in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Überall, wo sich die Möglichkeit bietet, entstehen Obdachlosen-Camps. Die Effekte des Wohnungsmangels sind stadtweit zu spüren“, konstatiert Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst (Die Linke). Heftiger Alkoholkonsum ist dabei oft Auslöser für Streit und Eskalationen zwischen Campern und Passanten. „Diese Situation sind auf gar keinen Fall hinnehmbar“, meint Grunst. Dennoch: Die Szene einfach nur durch Polizeikräfte räumen zu lassen, sei keine Lösung. „Das würde das Problem tatsächlich nur verlagern. Die Obdachlosen würden in die Wohngebiete verdrängt und wir hätten die Situation letztendlich nur verschärft“, lautet seine Ansicht.

Große Probleme

„Das Problem ist, dass wir es an diesen Orten nicht mit einer einzigen Personengruppe zu tun haben“, sagt Jörg Richert. Dessen Sozialgenossenschaft Karuna hat an einigen Brennpunkten in der Stadt Streetworker installiert. Trinker, die sich an den Kiosken oder in den nahe gelegenen Geschäften günstig versorgen, würden sich dort oft neben obdachlosen Menschen und Jugendgruppen aufhalten. „Die Obdachlosen selbst haben mit dieser Konstellation auch oft große Probleme“, erläutert Richert, der nun einen neuen, innovativen Vorschlag ins Gespräch bringt: „Safe Places“ (dt. „Sichere Orte“) nennt sich ein Konzept, das in den USA bereits seit acht Jahren in Seattle, San Francisco und New York erprobt wird und – grob skizziert – von Obdachlosen selbst verwaltete Camps mit Zelten, Toiletten und Duschen vorsieht.

Gut organisiert

Jeweils für einen Zeitraum von drei Monaten könnten solche geschützten Camp-Flächen mit sanitären Einrichtungen den Menschen zur Verfügung gestellt werden. Die Bewohner hätten einen geschützten Ort, an dem sie sich zurückziehen und von Sozialarbeitern regelmäßig betreut werden könnten. „Arztbesuche, Meldeangelegenheiten und Wohnungssuche wäre unter diesen Voraussetzungen sehr gut organisierbar“, sagt Richert.

Er weiß, dass viele Obdachlose sich eine solche Lösung wünschen, um einfach nicht mehr den Konflikten auf den öffentlichen Gehwegen und in den Grünflächen ausgesetzt zu sein.Angstfreie Zonen. „In Friedrichshain-Kreuzberg wurde die Gründung eines solchen Camps in der Juni-Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung bereits beschlossen. „Jetzt sind wir auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück, das wir dafür herrichten können“, erklärt Oliver Nöll von der Linken-Fraktion. Auch Bezirksbürgermeister Grunst ist von der Idee der „Safe Places“ überzeugt, sieht aber noch Organisationsbedarf: „Wir müssen die Orte als angstfreie Zonen wieder zurückgewinnen“, lautet sein Fazit. „Dafür brauchen wir aber eine gesamtstädtische Lösung mit einheitlichen Standards.

Auch in Lichtenberg werden wir dieses Modell zur Selbstorganisation der Obdachlosen in den politischen Gremien diskutieren“, so Grunst. Derzeit sei immerhin ein Platzmanagement mit Sozialarbeitern am Lichtenberger Bahnhof organisiert.

Datum: 16. August 2019, Bild und Text: Stefan Bartylla