Kein Deutsch, keine Schule?

Verstehen Kinder kaum Deutsch, drohen langfristige Nachteile.

CDU-Politiker Carsten Linnemann regt spätere Einschulung für Kinder mit Sprachdefiziten an.

Rund 33.800 Berliner Kinder haben in der vergangenen Woche ihren ersten Schultag erlebt. In einem Punkt sind sich Bildungsexperten einig: Mädchen und Jungen, die schlecht Deutsch sprechen, haben besonders große Schwierigkeiten beim Start ihrer Bildungskarriere. Werden sie nicht gezielt gefördert, laufen sie Gefahr, den Rückstand viel zu spät oder auch gar nicht aufzuholen. Zumal für eine wirkliche Förderung im Schulalltag meist Personal und Zeit fehlen.

Rund 39 Prozent aller Berliner Schüler hatten laut Bildungsverwaltung im Schuljahr 2017/2018 eine „nichtdeutsche Herkunftssprache“. Vor allem aus Innenstadtkiezen wie Neukölln, Kreuzberg und Wedding ist immer wieder von der schwierigen Situation in Schulklassen zu hören, in denen deutsche Muttersprachler unterzählig sind. Zum Beispiel an der Schule in der Köllnischen Heide (Neukölln). Dort wiesen im vergangenen Schuljahr 70 Prozent der Erstklässler Sprachdefizite auf.

Linnemann fordert Vorschulpflicht

Mangelhafte Deutschkenntnisse beim Nachwuchs finden sich allerdings nicht nur in manchen migrantischen, sondern generell in vielen sozial schwachen Familien jedweden Ursprungs. Wie mit dem Problem umgegangen werden soll, wird zurzeit heiß diskutiert. Auslöser war die Forderung von CDU-Bundestagsfraktionsvize Carsten Linnemann, Kinder, die des Deutschen wenig mächtig sind, später einzuschulen. „Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen“, sagte er der „Rheinischen Post.“ Für die betroffenen Knirpse schlug er eine Vorschulpflicht vor.

Die Gewerkschaft GEW weist Linnemanns Forderung zurück. Dies komme einem Ausschluss gleich, so GEW-Schulexpertin Ilka Hoffmann. Wenn die Begegnung mit anderen Kindern begrenzt werde, „leisten wir der Integration einen Bärendienst“. Kinder lernten insbesondere von anderen Mädchen und Jungen. „Gerade kleine Kinder lernen im Spiel mehr als im klassischen Deutschkurs“, betonte Hoffmann. Linnemanns Vorstoß sei „reiner Populismus und pädagogisch nicht sinnvoll.“

GEW setzt auf mehr Lehrer

Das GEW-Vorstandsmitglied plädiert für ein „Screening“ des Sprachstands bereits in der Kita, das mit frühzeitiger Sprachbildung und integrativen Konzepten einhergehe. Mit Blick auf den Fachkräftemangel in Grundschulen und Kitas forderte Hoffmann, dort anzusetzen. „Es nützt nichts, das Problem auf die Kita oder eine Vorschule zu verlagern, wenn auch dort die Personalsituation äußerst angespannt ist.“

Zustimmung kommt hingegen vom Deutschen Lehrerverband. „Man tut Linnemann Unrecht, wenn man ihn so versteht, als wolle er Kinder ohne deutsche Sprachkenntnisse von der Grundschule fernhalten“, so der Präsident Heinz-Peter Meidinger. „Er hat eine große Herausforderung richtig angesprochen, nämlich, dass rund ein Fünftel aller Erstklässler keine ausreichenden Deutschkenntnisse hat, um dem Unterricht zu folgen.“ Eine Rückstellung mache Sinn, wenn in diesem Jahr eine entsprechende vorschulische Sprachförderung erfolge.

Datum: 23. August 2019. Text: Nils Michaelis. Bild: Getty Images Plus/iStock/Andrey Popov