Zum Hauptstadt-Derby: Wie aus Freunden Rivalen wurden

Hertha- und Union-Fans standen sich früher sehr viel näher.

Am 2. November, 18.30 Uhr, ertönt der Anpfiff für das erste Bundesliga-Derby zwischen Union Berlin und Hertha BSC in der ausverkauften Alten Försterei in Köpenick. In vielen Internet-Fan-Foren – egal, ob Rot-Weiß oder Blau-Weiß – kochen die Emotionen hoch.

Früher Freunde

Dabei kann man irgendwo zwischen Juli 1977 und März 1979 den zarten Beginn der Fanfreundschaft zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC über Mauern und Grenzen hinweg verorten. Im Juli 1977 musste der Bundesligist Hertha in der sogenannten Inter-Toto-Runde bei Slovan Bratislava in der damaligen CSSR antreten. 7.000 Zuschauer sahen ein 2:1 von Slovan, aber unter das Publikum hatten sich neben Hertha-Anhängern auch Fußballfans aus Ostberlin, vornehmlich vom 1. FC Union, gemischt. Letztere wollten Profis wie Uwe Kliemann, Hanne Weiner oder Karl-Heinz Granitza, die sie nur aus dem Westfernsehen kannten, live erleben. „Da kamen wir Hertha-Fans schon mit einigen Unionern zusammen“, sagt Knut Beyer (58) der seit seiner Kindheit begeisterter Herthaner ist.

Ausflug nach Dresden

Schon am 26. April 1978 aber gab es eine noch bessere Gelegenheit, eine Fanfreundschaft zu schließen. Beyer, Autor des Buches „111 Gründe Hertha BSC zu lieben“ (zusammen mit Thomas Matzat) berichtet, dass sich Hertha BSC in den 1970er-Jahren lange bemühte, im Rahmen des deutsch-deutschen Sportkalenders ein Spiel gegen eine Mannschaft aus der DDR zu bekommen. Dynamo Dresden war schließlich der Gegner. Hertha-Fans reisten mit einem Sonderzug nach Dresden, ostdeutsche Hertha-Sympathisanten, vor allem vom 1. FC Union, kamen per Trabant oder Wartburg zum Spiel. Dynamo siegte vor 40.000 Zuschauern 1:0. Knut Beyer: „Wir hatten alle viel getrunken und verbrüderten uns mit den Unionern.“ Auch Andreas Sattler (56), Fan des 1. FC Union, war in Dresden dabei. „Wir sind mit dem Trabbi angereist, ich hatte schon immer auch einen Blick auf die Hertha. Die waren ja auch oft geplagt wie wir, hatten Skandale und Geldprobleme.“

Meister an der Spree

Die Sympathie der Union-Fans zu Hertha resultierte auch aus der Konkurrenz in der DDR-Oberliga gegenüber dem BFC Dynamo. Und Hertha-Anhänger liebäugelten gern mit dem Underdog Union, fühlten sich diesem nahe. Um den Dauermeister BFC Dynamo, der von den Sicherheitsorganen unterstützt wurde, zu schaden, riefen die Unioner: „Es gibt nur zwei Meister an der Spree – Union und Hertha BSC!“ Dieser Ruf wurde dann an der Alten Försterei auch gemeinsam skandiert, wenn einige Herthaner ab den 1970er-Jahren nach Köpenick fuhren. Höhepunkt der Begegnungen Ost/West zu Mauerzeiten war Herthas Uefa-Pokalspiel bei Dukla Prag am 21. März 1979. Im Viertelfinale siegte Hertha mit 2:1 nach einem 1:1 zu Hause. Unter den 30.000 Zuschauern tummelten sich neben tausenden Hertha-Anhängern auch zahlreiche Unioner. Diese Freundschaft hielt bis zum Fall der Mauer und dem Wiedervereinigungsspiel im Januar 1990 im Olympiastadion.

Die recht schnelle Entfremdung danach ist schwer zu erklären. Beide Vereine mussten ihre eigenen Probleme – wirtschaftliche und sportliche – lösen. Sie entwickelten sich auseinander. Vor allem die Fans aus dem Osten mussten sich schnell umorientieren, in einer neuen Gesellschaftsordnung zurechtfinden. Für Fußball und Fanfreundschaften war da wenig Platz. Aus Freunden wurden Rivalen.

Datum: 1. November 2019, Text: Michael Jahn, Collage: imago images / eu-images / Matthias Koch