Mit Tränen in den Augen

Kathrin Sieg und ihr Mann erfuhren von den Ereignissen in ihrer Heimatstadt während eines Aufenthalts in Paraguay.

Mein Mann und ich hatten uns zu Beginn des Jahres 1989 zunächst für ein Jahr als Lehrer im Auslandsschuldienst in einer kleinen deutschsprachigen Dorfschule mitten in Paraguay verpflichtet, später wurden fünf Jahre daraus. Zum Ende des Schuljahres Anfang November fand in der Goetheschule in der Hauptstadt Asunción eine Tagung für alle deutschsprachigen Lehrer im Land statt, das sind übrigens mit der interessanten Vorgeschichte der in Paraguay lebenden deutschsprechenden Menschen nicht wenig.

Wir winkten müde lächelnd ab

Es war allgemein üblich, dass die aus den Landesteilen Herangereisten bei einer in der Hauptstadt lebenden Kollegen-Familie Unterkunft fanden. Wir logierten bei Familie Reichenbach aus dem Rheinland. Nach dem anstrengenden Tagungstag genossen wir den warmen Sommerabend in ihrem schönen Garten. Ehepaar R. war im Besitz eines „Weltempfängers“, mit welchem man die Nachrichten der „Deutschen Welle“ empfangen konnte.

“In Berlin ist die Mauer gefallen!”

Plötzlich stürzte Achim R. aus dem Wohnzimmer und brüllte: „In Berlin ist die Mauer gefallen!“ Wir beiden in Berlin aufgewachsenen winkten müde lächelnd ab. „Echt, wirklich!“ schnaufte er, verschwand in der Küche, kam kurz darauf mit einer Flasche Sekt und vier Gläsern zurück und stellte das kleine Radio auf den Gartentisch.

Rückkehr ans Brandenburger Tor

Nun hörten wir den schwer wahrnehmbaren Nachrichtensprecher begleitet von starkem Rauschen im Äther sagen: „In Berlin wurde nach 28 Jahren in der vergangenen Nacht die Mauer geöffnet! Tausende von Ostberlinern strömten nach Westberlin und wurde überschwänglich begrüßt.“ Mit Tränen in den Augen ließen wir glücklich unsere Gläser erklingen. Schon im darauffolgenden Monat, kurz vor Weihnachten, hatten wir die Gelegenheit, uns von der einzigartigen Stimmung in Berlin zu überzeugen. Wir passierten das bis dahin schwer verrammelte und bewachte Brandenburger Tor und fuhren mit meiner Schwester nach zwei Stunden Wartezeit über die Glienicker  Brücke. 1994 kehrten wir nach Berlin zurück und lernten mit der größten Selbstverständlichkeit unsere Ost-Berliner Kolleginnen und Kollegen kennen.

Datum: 6. November 2019, Text: Kathrin Sieg, Bild: