Nicht zu fassen

Renate Steffe lebte damals in Italien und erfuhr am 10. November von den Ereignissen in Berlin.

Am 10. November rief mich mein italienischer Nachbar früh morgens an und fragte, was in Berlin mit der Mauer passiert sei. Huch, da musste ich mich erst einmal erkundigen. Mein englischer Radiosender erzählte dann pausenlos vom Mauerfall und was passiert war. Nun war ich schlauer. Die Mauer war ohne Blutvergießen und Waffengewalt gefallen. Am Nachmittag rief meine Tochter aufgeregt an und sagte mir: „Ich warte nur noch auf meinen Mann und wenn der von der Arbeit kommt, wollen wir auch mal drüben schauen.“

Ich hatte Angst und wollte die kleine Familie davon abhalten. In meinem Hinterkopf sauste der Gedanke: Wenn die nun wieder dichtmachen? Es ging alles gut, aber alles war für mich dennoch nicht zu fassen. Im darauffolgenden Frühjahr fuhren wir in unseren jährlichen Heimaturlaub nach Berlin. Ich saß mit unseren Pässen im Auto und nichts geschah. Kein Vopo, keine Kontrolle. Erst zu diesem Zeitpunkt war für mich der Mauerfall Wirklichkeit. Nun lebe ich schon wieder einige Jahre in Berlin, aber die DDR-Gebiete sind für mich immer noch der Osten.

Datum: 6. November 2019, Text: Renate Steffe, Bild: imago images / Peter Homann