Toilettenpapier als Trophäe

Anne Stoye konnte es zunächst nicht glauben.

9. November 1989, 20 Uhr: Das Telefon klingelt. Meine Mutter ist am Apparat. Aufgeregt berichtet sie meinem Mann: “Die Mauer ist gefallen! Wollen wir sofort zum Kurfürstendamm fahren, ehe die Grenzen wieder geschlossen werden?“

Ich nehme nur Wortfetzen wahr und erkläre ihm geduldig: “Das hast Du bestimmt falsch verstanden. Die Mauer trennt seit 1961 unsere Hauptstadt und daran wird sich auch nichts ändern!“ Von meinen Worten beruhigt, gehen wir zu Bett – und verschlafen tatsächlich diesen historischen Moment.

Am nächsten Morgen  Morgen auf der Arbeit bei robotron, dem ehemaligen Aussenhandelsbetrieb der DDR, ist  die Überraschung groß: Eine Menschentraube lauscht gierig den Erlebnissen der nächtlichen Rückkehrer aus Westberlin. Als Beweisstück schwenken ein Nachtschwärmer eine  Rolle Toilettenpapier, entwendet in einem Restaurant auf dem Ku’damm.

Wir sind alle Baff. Mein Fazit auch nach 30 Jahren: Die Erinnerung an die friedliche Revolution ist lebendig.

Bild: gettyimages/Filip Krstic