Tränen vor Glück

Mauerfall verschlafen – Erlebnisse an den Tagen danach.

Ich wohnte mit meinem Mann in West – Berlin – Staaken, im Bezirk Spandau, 200 Meter von der Berliner Mauer entfernt. Wir hatten uns im Laufe der 28 Jahre Mauerzeit damit abgefunden und mit der Mauer arrangiert, sodass wir regelmäßig den Grenzstreifen auf der Westseite nutzten, um in den nahe gelegenen Wald zu joggen.

Am 9. November 1989: Alles scheint an diesem Abend wie immer. Die Kinder sind ins Bett gegangen, weil sie früh aufstehen müssen, und wir Eltern debattieren über die gemeinsame Reise im Frühjahr, die wir mit einem Wohnmobil nach Griechenland durchführen wollen. Wir schauen uns noch einen Videofilm an, den wir vor kurzer Zeit aufgenommen haben, als er im DDR-II-Programm lief. „Heute haben wir gar keine Abendschau gesehen“, sage ich. „Jetzt wissen wir gar nicht, wie das Wetter morgen wird.“  „Na ja, wie schon? Genau wie heute“, lächelt er müde und gähnt. Dann gehen wir in die obere Etage, in der das Schlafzimmer und die Kinderzimmer sind und legen uns ins Bett.

Um 6 Uhr klingelt der Wecker. Mein Mann ist der erste unter der Dusche, danach gehe ich, mache mich zurecht, wenn er das Frühstück vorbereitet. Ist er damit fertig, stellt er das Radio an, um die aktuellen Nachrichten zu hören. „Was trödelst du heute so“, frage ich, als ich ins Wohnzimmer komme und weder Tassen noch Teller auf dem Tisch stehen. Mein Mann, der noch vor dem Radiogerät steht, dreht sich um. Tränen rollen über sein Gesicht. Er fällt mir weinend in die Arme und sagt: „Die Mauer ist offen. Heute Nacht konnten die Menschen von Ostberlin nach Westberlin. Das gibt es doch nicht.“ Ich drücke ihn zur Seite und stelle das Radio lauter. Jetzt bin auch ich fassungslos, was ich da höre. „Eine friedliche Revolution, keiner ist umgekommen. Das ist nicht zu fassen. Wie sind diese Menschen so mutig.“ Jetzt kommen auch mir die Tränen. Wir umarmen uns und weinen vor Freude.

In der Mittagspause gehe ich zur Bornholmer Brücke. Von weitem sehe ich eine Massenansammlung von begeisterten Menschen. Ich bin von der Euphorie der Menschen erfasst und will an den Grenzpolizisten vorbei in den Osten gehen.  Das gelingt mir nicht, da ich von einem Polizisten zurück gehalten werde. „Sie bleiben, wo sie sind. Nur von Ost nach West geht es, nicht umgekehrt.“ „Warum?“, will ich wissen. Aber keine Antwort, nur ein deutliches Handzeichen, das mir sagt, dass ich nicht weitergehen kann. Zwischen den Menschenmassen sehe ich auch Trabbis aus Ost-Berlin rollen, die mit Sekt von den Westberlinern begrüßt werden. Die Menschen fallen sich in die Arme, lachen, scherzen und küssen sich vor Freude. Ich nehme schweren Herzens Abschied von diesem Treiben, weil ich zurück in mein Arbeitszimmer muss. Eine Krisensitzung  ist angesagt.

Am Abend erzählen wir uns unsere Tageserlebnisse. Während die Kinder den ganzen Tag Unterricht hatten, wurde auch hier immer wieder die Öffnung der Mauer besprochen. Manche glaubten nicht daran, dass das Normalität sein sollte.

Noch am gleichen Tag kamen viele Jugendliche in unsere Einrichtungen, die noch minderjährig waren und nicht mehr zurück in die DDR wollten. Ich wurde eingeteilt, in einem Auffanglager, einer ehemaligen Freizeiteinrichtung Personalien von Menschen aufzunehmen. Am Abend erfuhren wir in der Abendschau, dass Ostberliner Bürger in einer hohen Zahl in den Westen gekommen waren, die sich rund um die Gedächtniskirche aufhalten. Der Kurfürstendamm war für den Autoverkehr gesperrt, da sich Ost- und West Berliner miteinander den Mauerfall feierten. Sofort beschließen wir, auch dorthin zu gehen. Mit drei Flaschen Wein und Pappbechern ziehen wir los.

Die U-Bahn ist total mit Menschen überfüllt, die alle zum Ku’damm strömen. „Komm, lass uns Ossis schauen“, sagt einer liebevoll. „Die können noch staunen“, meint ein anderer. Im Bahnhof Zoo ist ein Menschengedränge, sodass ich die Hand meines Mannes fasse, damit wir uns nicht verlieren.

Wir gehen den Ausgang zur Gedächtniskirche entlang, die überfüllt von Menschen ist. Trotzdem ist eine fantastische Stimmung und alle sind fröhlich und ausgelassen.  Wir werden von wildfremden Menschen umarmt, öffnen unsere Weinflaschen und lassen sie von Mund zu Mund herumgehen. Keiner denkt an Bakterien oder Viren, denn alle sind glücklich überdreht. Wir können es nicht fassen, dass so etwas möglich geworden ist.

Sprachfetzen werden in die Nacht gestreut: „Wir kommen aus Pankow, wir sind aus Friedrichshain, wir sind …“ Menschen schildern, wie sie heute Nacht einfach rüberkamen und dann wieder zurückgingen, weil ihre Kinder schliefen. Sie wollten nur testen, ob es tatsächlich geht. „Habt ihr keine Angst gehabt?“ „Nein.“ Wir staunen jetzt, dass keiner der Menschen Angst hatte, erschossen oder eingesperrt zu werden. „Die Zeiten sind jetzt vorbei“, hören sie und sind wie in Trance.

Als wir spät in der Nacht nach Hause kommen, ist nur noch ein kleiner Rest der ereignisreichen Nacht übrig. Uns ist klar, dass dies erst der Anfang sein kann, viel ist zu tun, um die Mauer vollständig einzureißen. Da sie 28 Jahre Bestand hatte, muss sie auch in den Köpfen der Menschen aus Ost- und West – Berlin fallen. Dies ist noch ein langer Weg. Aber er lohnt sich.

Text: Mathilde Zeidler aus Spandau, Bild: imago images / Andreas Gora