Einladung ins Café Kranzler

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Heike Marquardt feierte vor 30 Jahren den Beginn einer Freundschaft, die bis heute besteht.

An jenem 10. November 1989 wurde ich wie üblich um 4.30 Uhr in der Früh vom RIAS geweckt. Ein Reporter berichtete mit tränenerstickter Stimme von den Ereignissen der Nacht. Ich kam langsam zu mir und glaubte, ein Hörspiel à la Orson Welles zu hören. Gewiss, ich hatte wie immer am 9. November abends als Redakteurin beim DDR-Rundfunk alle Nachrichtensendungen gesehen und auch die Schabowski-Mitteilung gehört. Wenn man aber so früh raus muss, wird der Abend nicht sehr lang und die Meldung kam mir zu unwirklich vor. Ich lief aufgeregt in das Zimmer meines achtjährigen Sohnes Stephan, schüttelte ihn: „Die Mauer ist offen!“ Er fragte schlaftrunken und nicht sehr interessiert: „Muss ich dann heute zur Schule?“

Am 10. November war nur eine Handvoll Kinder da, und auch von meiner Redaktion waren die meisten Kollegen auf dem Ku’damm. Angesichts der Fernsehbilder hielt es uns nach Dienst und Schule am Nachmittag nicht mehr zu Hause, also auf zur Oberbaumbrücke. Zuvor zum Sohn: „Iss und trink, ich kann dir da drüben nichts kaufen.“ Menschen über Menschen am Grenzübergang, der aus einer schmalen Eisentür bestand. Wir wurden zur U-Bahn Schlesisches Tor geschoben, stiegen am Wittenbergplatz aus. Willy Brandt, Richard von Weizsäcker und viele andere, die sich mit uns freuten. Ein fröhliches, glückliches, einander zugewandtes Volk, auf dem Ku’damm. Tausende Menschen. Stephan spürte plötzlich einen Riesenhunger und Durst. Ein älterer Westberliner, der das mitkriegte: „Hier haste, meen Kleener, ’ne Cola und ’nen Burger!“ In jenen Tagen war alles möglich. Irgendwann wollten wir wieder nach Hause und fragten ein Paar neben uns nach der nächsten S- oder U-Bahn. Das Paar: „Wir suchen jemanden, dem wir an diesem besonderen Tag eine Freude machen können!“ Eine Einladung ins Café Kranzler zu Kaffee und Trinkschokolade folgte. Der Beginn einer Freundschaft, durch die beide Seiten voneinander lernten, damit Trennendes überwanden und die bis heute besteht.

Ein paar Tage später, mutiger und die historische Dimension langsam begreifend, steckte sich Stephan einen Hammer aus seiner Werkzeugkiste ein, hämmerte kleine Stücke (hat er aufbewahrt) aus der Mauer hinter dem Brandenburger Tor und sammelte für sein Herbarium Blätter, die er seelenruhig mit „Fundort Berlin-Tiergarten“ beschriftete. Seine Lehrerin war damals „not amused“. Das Ehepaar aus Charlottenburg genießt inzwischen das Rentnerdasein. Der kleine Junge aus Lichtenberg ist heute angehender Dr. rer. nat. in der Tumorforschung, spielt Geige in einem großen Orchester und dirigiert Benefizkonzerte.

Datum: 7. November 2019, Bild: imago images/Jochen Tack