Und ich heulte mit

Karola Musielak und ihr Mann haben erst am nächsten Morgen von den Ereignissen erfahren.

Wir – ein Ehepaar, seinerzeit 26 Jahre verheiratet – haben am Abend des 9. November die Sensation verpasst, da wir “aus der Konserve” ferngesehen haben. Am Morgen ging das Radio im Bad an. Mein Mann kam aus dem Bad. Mit den Worten “die Mauer ist auf” schmiss er sich heulend aufs Bett und ich heulte mit.

Danach fuhren wir mit unserem Kleinwagen zur Bornholmer Straße. Unser Auto, bis zum Vortag bestens in Ordnung, stotterte. Ich hatte Mühe, es in Gang zu halten. Als dann die  unaufhörlich lange Trabi-Schlange an uns vorbei fuhr mit dem typischen “Trabbi-Geknatter” fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Am Vortag hatten wir unser Motorboot aus dem Wasser geholt und den Rest 2-Takter-Sprit in unseren Tank gefüllt. Ein paar Tage später gingen wir zu einem Übergang, der geöffnet wurde. Als Westpolizisten und “DDR”-Polizisten gemeinsam die Absperrgitter beiseite getragen haben, liefen schon wieder Tränen.

Heiligabend wurde dann der Übergang Provinzstraße geöffnet. Wir haben uns aufs Fahrrad gesetzt und sind eine Runde durch den Osten gefahren und waren erschüttert von der Gegend. Alles sah derartig runtergekommen und trostlos aus.

Datum: 9. November 2019, Text: Karola Musielak, Bild: imago images / Votos-Roland Owsnitzki