Ich dachte, das gibt’s nicht

Karola Schirrmacher konnte die Nachricht von der Grenzöffnung zunächst nicht glauben.

Ich habe abends einen Film auf SAT 1 gesehen (ohne Nachrichtenunterbrechung) und bin daher nichts ahnend ins Bett. Morgens um 5 Uhr höre ich Geschrei vor dem Haus, schaue runter und sehe meinen Mann aufgeregt rumhopsen und mit etwas rumfuchteln: „Ich komme aus dem Westen“. Ich dachte, „das gibt’s nicht, der ist ja blau“. Er kam hoch und erklärte mir, dass die Mauer auf sei und er von drüben komme. „Ich wusste, dass du mir nicht glaubst, hab extra eine Zeitung mitgebracht.“

Nur kurz rüber

Als er begann, mir das zu erzählen, bin ich zum Fernseher gerannt und da habe ich es erst geglaubt. Es lief auf allen Sendern dasselbe (nur im DDR-Sender nichts). Es konnte also keine Lüge sein. Ich sagte: „Ich will auch dorthin. Nur ganz kurz Tante Elfriede und Onkel Hanne überraschen.“ Nur einmal schnell rüber und dann ganz schnell wieder nach Hause. Das war unser Plan. Es war sehr aufregend für uns. Besonders ich hatte Angst vor einer schnellen Grenzschließung. Wir sind fast nur gerannt. Die U-Bahnen waren schon voll mit Ossis.

“Dieser Tag war der aufregendste unseres Lebens”

Wir lagen uns dann morgens um 9 Uhr in den Armen, haben mit den Lieben gefrühstückt und erzählt und angestoßen. Ich war trotzdem erst wieder ruhig, als wir wieder im Ost-Gebiet waren. Um 12.30 Uhr bin ich auf Arbeit angekommen und der halbe Betrieb war leer. Aber die Kollegen, die da waren, hatten kein anderes Thema. Niemand hat gearbeitet, alle haben nur über die historische Nacht gesprochen. Nach und nach trudelten dann fast alle Kollegen ein. Wir sind dann alle ganz „normal“ am nächsten Tag wieder zur Arbeit gegangen, aber einige fehlten für immer.

Abends haben wir dann schließlich den Kindern das historische Ereignis erklärt. Es hat allerdings noch mal einige Tage gedauert, bis wir uns dann noch mal zusammen mit den Kindern rüber getraut haben. Der 10. November 1989 war der aufregendste Tag unseres Lebens.

Datum: 8. November 2019, Text: Karola Schirrmacher, Bild: imago images / imagebroker