Zu Besuch im späten Sozialismus

Hellersdorfer Plattenbauwohnung ist ein Geheimtipp der New York Times.

In der Hellersdorfer Straße 179 – Parterre rechts –ist die Zeit um mindestens 30 Jahre zurückgedreht. Hier gibt es eine 61 Quadratmeter große 3-Zimmer-Wohnung, die 1986 vom VEB Wohnungsbaukombinat Cottbus gebaut und bis auf wenige Details in ihren Urzustand versetzt wurde: Heizkörper, Tapeten, Fußbodenbelag, Türbeschläge, Fenster, Toilettenbecken, Lichtschalter, Schrankwand, Wohnzimmerlampe, Colormat-Fernseher… – ein kompletter Nachlass aus  der DDR-Produktion ist hier zu besichtigen und zu bewundern.

Voll möbliert und ausgestattet von der Schreibmaschine bis zum Salzstreuer ist diese Wohnung bis heute in ihrer Einmaligkeit ein Anziehungspunkt für Gäste aus aller Welt und für Film-, Musik- und Fotoproduktionen. Die Museumswohnung mit den tollen Exponaten aus Zeiten des späten DDR-Sozialismus ist sogar so einmalig, dass sie es unlängst als ganz besonderer Touristentipp bis in die Reiseseiten der renommierten New York Times geschafft hat

Bereits ein Jahr nach Eröffnung, bei der auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit auf der grünen Velourscouch im Wohnzimmer Platz nahm, konnte die 1.000 Besucherin begrüßt werden: Eine junge Frau aus Zehlendorf hatte es dem Regierenden mit Heimatbezirk Tempelhof-Schöneberg nachgemacht und die historischen Zimmer im Berliner Osten besucht. Bis heute ist die Museumswohnung zu den Öffnungszeiten an den Sonntagen gut besucht.

Auch viele Gruppen – von Schulklassen über Unternehmerverbänden bis zu internationalen Delegationen – nutzen die Chance, sich auf diese Zeitreise in die Plattenbauwohnung zu begeben. Dass die Unterschiede in der Einrichtung zwischen Ost und West gar nicht so groß waren, ist dabei öfter zu hören. Ein Blick auf die erklärenden Tafeln zeigt dabei, dass man für diese Wohnungseinrichtung lange arbeiten musste.

Der beim RFT Staßfurt produzierte Farbfernseher war seinerzeit 4.200 Mark teuer – ein kleines Vermögen angesichts eines durchschnittlichen Bruttogehaltes von 1.322 Mark (1989). Die Miete für die 3-Zimmer-Wohnung, die einer Familie mit ein oder zwei Kindern Platz zum Wohnen und Leben bot, betrug dagegen nur 109 Mark im Monat.

Das Zusammentragen der Wohnungsausstattung erwies sich schon 2004 als recht aufwändiges Unterfangen. Auch viele Mieter trugen mit Mobiliar, Bildern, Büchern, elektrischen Geräten, Geschirr sowie Bad- und Küchenutensilien zur authentischen Ausstattung der Museumswohnung bei. Zum Interieur gehört neben Alltagsgegenständen auch ein wenig Kunst. An der Wand des Wohnzimmers hängt der in der DDR meistverkaufte Kunstdruck: „Junges Paar am Strand“ von Walter Womacka.

42.000 dieser Wohnungen vom sogenannten Typ WBS 70 wurden bis zur Wende  in Hellersdorf gebaut. Nur rund 18 Stunden dauerte damals der Ausbau einer solchen Wohnung in Plattenbauweise. Die Museumswohnung ist die letzte „Platte“, die im Original erhalten ist.

Die Museumswohnung WBS 70 in der Hellersdorfer Str. 179 ist immer sonntags in der Zeit von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Weitere Infos und Terminvereinbarungen sind unter 0151-16 11 44 47  und möglich. (red)

Mehr Infos zur Museumswohnung gibt es hier.

Datum: 8. Novcember 2019, Text: red/ylla, Bilder: Stadt und Land