Vor Freude geweint

Horst Naumann zog es direkt nach Grenzöffnung in den Wedding.

An jenem Tag, übrigens auch mein Geburtstag, entnahm ich aus den Nachrichten, dass die Reisefreiheit, ab sofort, in Kraft tritt, für alle DDR-Bürger. Als ich sah, wie die ersten schon in Westberlin ihre Ausweise zeigten und über mehrere Grenzstellen dorthin gelangten, machte ich mich ebenfalls sofort auf den Weg. Ich wählte den Grenzübergang Chausseestraße. Gegen 24 Uhr dort angekommen, bot sich mir folgendes Bild: Eine große Menschenansammlung, sehr viele Fahrzeuge, voll besetzte Armeewagen und immer mehr Menschen und in der Fußgängerzone herrschte bei den Grenzen ein wirres Durcheinander.

Sprung von der Mauer

Die Massen bewegten sich ungeduldig vor und drückten gegen die Absperrung, die Hinweise der Leute, ab sofort gilt die Reisefreiheit und viele DDR-Bürger sind schon in Westberlin, brachte auf sachlicher Ebene keinen Erfolg. Bei den Westberlinern tat sich etwas Unglaubliches: Auf der Mauer sitzend, sprangen sie hinab ins Grenzgebiet, dann stürmten die Massen über die Mauer, es ging alles sehr schnell, sie rissen die Begrenzungsanlagen auf und erzwangen die Öffnung der Mauer. Menschen lagen sich in den Armen, weinten vor Glück und Freude. Nun liefen und fuhren die Menschen in den Westen, auch viele Westberliner liefen nun in den Osten, manche fuhren mit dem Fahrrad einige Runden und genossen die überraschende Freiheit auf ihre Weise.

Feiern im Wedding

Mit Schmerzen humpelte ich durch die offene Grenze, nach Wedding, scherzte noch mit einem Grenzer, die jetzt allgemein besser drauf waren, sagte ihm: „Schließt aber die Grenze nicht wieder, ich möchte wieder zurück zu meiner Familie.“ Glücklich überschritt ich schließlich die Grenze gegen 1 Uhr, ging in die erstbeste Kneipe mit dem Namen „Kajüte“ und bestellte mir ein Bier. Es kamen immer mehr DDR-Bürger dazu, unter anderem eine gesamte Tischtennis-Mannschaft, die nach ihrem Wettkampf gemeinsam aufgebrochen ist und zum Teil Verwandte besucht hatte. Wir saßen in großer Runde an einem Tisch und ich bestellte für alle Bier, wir redeten und feierten in dieser Nacht. Auch dank eines netten Herren, der sich zu uns gesellte, die Maueröffnung mit uns bejubelte und es uns möglich machte, noch lange zusammenzubleiben, da er großzügig eingeladen hatte. Ein denkwürdiger Tag und eine denkwürdige Nacht nahmen so ihr Ende.

Datum: 9. November 2019, Text: Horst Naumann, Bild: Privat/Horst Naumann