Neue Heimat am Berliner Himmel

 Immer mehr Greifvögel finden ideale Lebensbedingungen in Großstädten.

Ein Wildtier ist ein schlaues Tier, wenn es in die Stadt geht. Anders als auf dem Lande werden einige Arten in der Stadt nicht bejagt, außerdem gibt es hier reichlich Nahrung. Was dem Tiere demnach paradiesisch vorkommen mag, kann den menschlichen Bewohner doch erheblich stören. In unserer Serie „Wildtiere in der Stadt“ wollen wir für das Zusammenleben zwischen Mensch und Wildtier eine Lanze brechen. Denn das „Wildlife“ bringt neben dem einen oder anderen Ärgernis auch Freude, tierische Erkenntnisse und nicht selten gute Unterhaltung in die Stadt. Heute erzählen wir von den vielen Greifvögeln, die es tatsächlich hier in Berlin gibt.

„Auf meinem Balkon-Geländer hier im dritten Obergeschoss sitzt ein riesiger dunkler Raubvogel. Was soll ich tun? Ist der gefährlich?“ Das sind die Fragen, die Gertrud Petermann ehrfürchtig leise in die Telefonmuschel flüstert. Am anderen Ende der Leitung kann sie Polizeimeister Härtel an diesem warmen Herbstnachmittag beruhigen. Nein, Gefahr gehe von Greifvögeln hier in der Stadt nicht aus. Sie solle einfach abwarten, bis das Tier wieder fortfliegt. Allein ihre Haustiere solle sie vielleicht ins Haus rufen – eine Vorsichtsmaßnahme, die sich erübrigt: Frau Petermanns Mieze hat inzwischen ohnehin ihr Sonnenplätzchen auf dem Balkon geräumt und Stellung zwischen Wohnzimmersofa und Raufasertapete bezogen.

Keine Seltenheit

Der riesige Raubvogel auf dem Balkongeländer – ein Bussard, wie sich später herausstellt – zeigt sich vollkommen unbeeindruckt von soviel Ehrfurcht und Anerkennung. Gertrud Petermanns bewundernden Blick hat das edle Tier an diesem Nachmittag ohnehin sicher. Anmutig überblickt der Greifvogel nun den Schöneberger Süden und steigt wenige Minuten später wieder majestätisch in den Himmel über Berlin. Greifvögel sind gar keine so große Seltenheit in Berlin, zeigen Studien von Naturschutzverbänden und -vereinen. 100 Habichte, drei Wanderfalken, 80 Mäusebussarde, 250 Turmfalken, acht Schwarzmilane, zehn Wespenbussarde, 15 Rohrweihen, drei Baumfalken, 60 Sperber und sogar zwei Seeadler wurden im Jahr 2015 im Berliner Stadtgebiet gesichtet und offiziell vom Berliner Naturschutzbund (NABU) gezählt. Zusammengenommen gibt es um die 1.500 Vögel dieser Arten, die in der Stadt leben, lauten die weitergehenden Schätzungen des NABU.

Gute Bedingungen.

Gerade für Populationen von Habichten, Sperbern, Turmfalken und Schwarzmilanen haben sich die Bedingungen in der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten optimal entwickelt. Die Vögel haben hier wortwörtlich ihre Nischen gefunden und können Fugen und Hohlräume in und an Gebäuden als Zufluchts- und Niststätten nutzen. In Parkanlagen, Grünflächen, auf Friedhöfen, Kleingartenanlagen und Stadtbrachen finden Greifvögel zudem reichlich Nahrung, die es in der Menge in ländlichen Gebieten gar nicht mehr gibt: Mäuse, Ratten, Kaninchen, Tauben, Insekten aber auch Essensreste stehen auf dem Speisenplan. Allein die äußerst seltenen Seeadler haben etwas Futterprobleme in der Großstadt. An Havel und Wannsee gehen sie auf Fisch- und Wildjagd – die Beuteaussichten sind allerdings etwas übersichtlicher, als die kleinerer Greifvögel. Allein auf dem Tempelhofer Feld finden Turmfalken und Mäusebussarde hervorragende Bedingungen für ihre Jagd. So war der Bussard auf Gertrud Petermanns Balkon auch gar nicht an dem kleinen Kätzchen auf dem Liegestuhl interessiert. Den Vogel hatte die Aussicht auf die vielen Tauben gelockt, die die ausgelegten Futterkörner auf dem Balkonsims pickten.

Datum: 1. Dezember 2019, Bild: Bild: imago images / Manja Elsäss, Text: Stefan Bartylla